
[Frankfurt-Innenstadt, 27.03.2002] Das ist der Mann, der tage- und wochenlang am Bahnsteig stand und auf den Zug wartete. Nie ist er eingestiegen, niemals fortgefahren. Er schaute den Zügen nach und lächelte den Passanten verständnisvoll zu. Irgendwann bemerkte ich ihn und kümmerte mich dann kurz um etwas anderes. Just in diesem Moment musste er eingestiegen sein, denn er war, als mich umdrehte, vom Bahnsteig verschwunden. Aus dem Augenwinkel konnte ich ihn am Fenster des hinweghuschenden Zuges erblicken. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen.Registratur03 \ Registratur 02 \ Registratur 01Beobachtungen \ Dechiffrierung von Eigenschaften oder Verhaltensweisen bei Menschen oder TierenBemerkungen \ Notizen, Thesen, Meinungen, TatsachenArtefakte \ Elemente einer ausgewählten Teilmenge oder StichprobeZeichen \ Gesellschaftlich relevante Themen und TechnologienStreifzüge durch Frankfurt \ Recreaton \ Style \ Unerwarteter Tod
Das Haus, in dem Jutta W. die monotone Zweischlag-Musik ertragen musste, gehörte damals einem älteren Herrn, der in einem unauffälligen Bungalow inmitten der Wohnsilos in der Nordweststadt residierte, denn nachdem der Musikgeschmack meines Mitbewohners sich mehr zu Acid House und Techno hin verschob, wurden wir auf Grund eines diesbezüglichen Briefes von Jutta W. zu einem ernsten Gespräch dorthin zitiert. Auf seiner Visitenkarte stand "Bankdirektor a.D.", und Jahre später stiess ich per Zufall noch einmal auf den Namen des besagten Herrn: in einem Artikel im Wirtschaftsteil der FAZ vom 30 Januar 1999 [Wie die Dresdner Bank das "Ankara-Gold" zurückholte Eine Geheimaktion mit Hilfe des Auswärtigen Amtes / von Johannes Bähr / Auszug aus dem Untersuchungsbericht des Hannah-Arendt-Instituts in Dresden *], denn Sonderbeauftragter des Instituts für die diskrete Rückführung des Vemögens war jener Herr <Name des Bankdirektors a.D.>. [1] [2]102: the vast majority of popular music revolves around groups of four beats. | Unsere damalige Nachbarin mokierte sich Anfang der Neunzigerjahre einmal in der Frankfurter Neuen Presse über die "monotone Zweischlag-Musik", die rund um die Uhr aus dem Zimmer meines damaligen Mitbewohners an ihr Ohr gedrungen ist. Klar; der hörte damals hauptsächlich Prince und ähnlich geartetes Zeug, während ich mich seinerzeit mit zappaeskem 13/18-Schlagwerk herumschlug, was aber in Juttas gestresstem Ohr mit dem urbanen Hintergrundrauschen verschmolzen sein dürfte.Performative Praktiken, Projekte zur Regeneration von Stadtbezirken und Randgruppen, experimentelle Produktionsformen in den Bereichen Mode und Verlagswesen ... Also das klingt für mich wieder einmal mehr nach dem bekannten+++ Im Harveys war ich früher ab und an mit dem Monat, einem halbbekannten Pseudo-Modefotografen, mit dem K. und ich eine heisse Zeit verlebt hatten, bis er sich auf der Flucht vor dem Finanzamt nach Mallorca abgesetzt hat. So waren wir zum Beispiel einmal übers Wochenende mit dem Auto (meinem schlammfarbenen) auf Korsika und haben gezeltet; K. wurde wie immer sofort und die ganze zeit hindurch krank, beim Lagerfeuerrückständebeseitigen löste der Monat noch einen Mülltonnenbrand aus (Feuer war zu der Jahreszeit auf der Insel streng verboten, weshalb wir keinen Spuren hinterlassen wollten), das er mit seinem besoffenen Kopf auszupinkeln gedachte, ein lustiges Hallo, das uns beinahe die Fährverbindung zurück aufs Festland gekostet hat; eine einstündige Fahrt die Serpentinen der Uferstraße entlang auf einer Strecke, für die der normale Mensch zwei Stunden kalkuliert hätte, und das wie immer unter Dauerbetankung. Wir schafften es, die Fährmannschaft machte freundlicherweise noch einmal fest, als wir quer und mit angezogener Handbremse über den Kai schossen, laut rufend und wild gestikulierend. Durch den Monat, vielmehr seine Zweitfreundin T., einer zehn Jahre älteren Stewardess mit zwei halbwüchsigen Söhnen aus Bad Homburg (oder war es seine Erstfreundin? Die andere hiess auf alle Fälle S., genannt meine D., aber dazu könnten wir auch den Fefebeyisten noch einmal befragen), habe ich auch 93 oder 94 die dicke Ärztin aus Essen kennen gelernt, die erste Frau, bei der ich den Mut hatte zu fragen, ob sie sich von mir fesseln lassen würde und die tatsächlich auch noch schwanger wurde, ohne zu wissen, ob von mir oder meinem Vorgänger, einem Zivi aus ihrem Krankenhaus, was aber eigentlich wurscht war, da sie sowieso hat abtreiben lassen. Der Monat machte auch mal eine Party, bei dem nur für besondere Gäste an der Theke Tequila ausgeschenkt wurde und nur, wenn man das Codewort Nimm ihn in den Mund aufsagte. Wollte man drei Tekkis, musste man dreimal sagen Nimm ihn in den Mund. Wir fanden das damals total lustig und auf diesem Fest lernte ich auch A., die ehrgeizige Hoteltussi aus dem Ramada in der Nordweststadt kennen, die ich, so goldbehängt sie mit Jeans und einem knallroten Blazer dastand, einfach gut finden musste und bei der ich, nach einem gemeinsamen Spieleabend auch im Hochbett geschlafen habe, doch nicht mit ihr, denn damals wusste ich noch nicht für jede Situation die Methoden, wie man das mental bewerkstelligen muss. Ich glaube, deshalb hatte sie dann auch das Interesse an mir verloren und ich habe sie nie wieder gesehen, wahrscheinlich ist sie in eine andere Stadt oder ein anderes Land gegangen, leider nicht wegen mir, sondern für ihre Hotelkarriere. Später bewohnten K. und der Monat an den Wochenenden eine alte Wassermühle im Hunsrück, wo sie Hühner, Kühe und Schweine hielten. Eins der beiden Schweine ist mir auf Grund des aussergewöhnlichen Namens im Gedächtnis haften geblieben: Dr. Nötigenfalls. Die Abende wurden für gewöhnlich im größeren Kreis am Lagerfeuer mit Kirner Bier bestritten, bis die Gesellschaft hinreichend bewusstlos war, um sich auf verschiedene Matratzenlager vorm Kamin zu verteilen oder zu kombinieren. Auf der Mühle hat auch der K. seine zukünftige Frau gefickt und sich dabei von seiner eifersüchtigen Zweitfreundin durchs Fenster beobachten lassen, die auf Grund einer Eingebung in ihrer krankhaften Eifersucht nachts noch den Weg ans Ende der Welt auf sich genommen hatte, nicht ungekrönt eines zweifelhaften Erfolgs Frankfurter Hang, auch noch unter dem kleinsten Saum des Kulturmäntelchens die eine oder andere Strukturförderungsmaßnahme zu verstecken.Symptom